Versorgungssicherheit und Politik!

Ich wurde gefragt, warum ich soviel über Energiepolitik spreche und schreibe obwohl mein Thema die Vorsorge vor dem Brownout (der Stromabschaltung) und dem Blackout für kleine und mittelständische Unternehmen ist.

Hier meine Antwort:

Der elektrische Strom ist wie das Blut in unseren Adern

Der elektrische Strom ist, würde man den Menschen als Analogie hernehmen, wie das Blut in unseren Adern. Das Blut versorgt alle Zellen im Körper mit lebenswichtigem Sauerstoff. Wie wichtig das Blut ist, sieht man vor allem dann, wenn seine Reinigung in der Niere nicht mehr funktioniert. Dann muss man zur Dialyse, eine Niere transplantiert bekommen oder man wird sterben.

Patient bei der Dialyse in der Klinik

Mit dem Strom verhält es sich ähnlich. Der elektrische Strom ist das Medium welches in fast allen Bereichen des Lebens und des unternehmerischen Handelns eine, wenn auch oft kaum bemerkte, Rolle spielt. In unserer zunehmend komplexen und vernetzten Welt, nimmt seine Bedeutung jeden Tag weiter zu.

Bislang brauchten Unternehmen sich wenig Gedanken um den Strom machen. Er war halt immer da!

Verletzlichkeitsparadoxon

Und das ist nun unser Problem. Unser wirtschaftliches Handeln ist so aufgebaut, dass unsere Unternehmen immer mit genau der ausreichenden Menge an elektrischem Strom versorgt werden, den sie benötigen. Das war bisher eine Selbstverständlichkeit. Was aber passiert, wenn etwas das selbstverständlich ist, auf einmal nicht mehr da ist?

Man ist überrascht, man ist unvorbereitet, man ist Handlungsunfähig!

Und genau diese Situation ist nun unbemerkt von der Mehrheit eingetreten.

Das Verletzlichkeitsparadoxon. In dem Maße, in dem ein Land in seinen Versorgungsleistungen weniger störanfällig ist, wirkt sich jede Störung umso stärker aus.

„Dieses Paradoxon wird kontinuierlich verstärkt, indem in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen elektrische beziehungsweise elektronische Geräte, Mess- und Regelungstechnik, Informations- und Kommunikationstechnologien weiter zunehmen und die Abhängigkeit zum Beispiel von der Verfügbarkeit elektrischen Stroms oder aber von Informations- und Kommunikationstechniken weiter wächst“ Quelle: Bundesministerium des Inneren „Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Strategie)“

Im Gegensatz zu anderer betrieblicher Ausrüstung, ist das Betriebsmittel elektrischer Strom bisher nicht in der unternehmerischen Planung explizit vorgekommen. Es wurde lediglich als Kostenfaktor in die Bilanz eingebracht.

Treibstoff für drei Tage

Einzig kritische Betriebe, wie Krankenhäuser, Banken, Versicherungen und Rechenzentren haben eine kleine Vorsorge getroffen, sollte der allgegenwärtige Strom einmal ausfallen. Gerade bei Krankenhäusern sieht man, für wie unwahrscheinlich dieses Ereignis gehalten wurde. Denn Krankenhäuser haben zwar eine Notstromversorgung aber keine Ersatzstromversorgung. Die reicht nach meinem Kenntnistand bei kaum einen Krankenhaus für eine Vollversorgung, sondern lediglich dazu, die Intensivstation für drei Tage am Leben zu halten. Ähnlich sieht es bei Rechenzentren aus, Treibstoff für drei Tage, mehr nicht – UND DANN?

Energieversorgung und Politik

Im Gegensatz zu vielen anderen Betriebsmitteln, gibt die Politik bei dem Betriebsmittel Strom den Rahmen vor, in dem die handelnden Akteure sich bewegen dürfen und bewegen müssen. Wie wir an unzähligen Beispielen in anderen Bereichen schon gesehen haben, agiert sie dabei meist ungeschickt und realitätsfremd.

Im Strommarkt ist es besonders schlimm gekommen. Den Strommarkt mit freiem Wettbewerb, wie wir ihn heute kennen, gibt es noch nicht sehr lange. 1990 herrschten in den europäischen Strommärkten ausschließlich Monopole, vertikale Integration war das Prinzip: Erzeugung, Übertragung, Verteilung, Verkauf – alles in der Hand eines oder mehrerer, oft staatlicher Großunternehmen. Die Strompreise waren staatlich festgelegt. Diese Konzerne hatte aber auch die Verantwortung für die Versorgungssicherheit und sind dieser Aufgabe bravourös nachgekommen! Erst mit dem forcierten und subventionierten Einsatz von erneuerbaren Energien Wind und Sonne begann der schleichende Niedergang der zuverlässigen Stromversorgung.

Liberalisierung Strommarkt

1996 begann die EU damit, den Markt schrittweise für den Wettbewerb zu öffnen und den Energiemarkt zu liberalisieren. Ziel war es, einen einzigen integrierten europäischen Elektrizitätsbinnenmarkt über alle EU-Mitgliedstaaten hinweg zu schaffen, um insgesamt die Netzkosten zu senken und Synergien bei der Versorgungssicherheit zu nutzen. Das gemeinsame Stromnetz haben wir zwischenzeitlich, im europäischen Verbund sind stand heute 36 Länder miteinander verbunden.

Die 2003 eingeführte zweite Richtlinie (Richtlinie 2003/54/EG und Richtlinie 2003/55/EG) forderte dann auch eine rechtliche Entflechtung der Energieversorgungsunternehmen. Ein Unternehmen durfte nur noch in einer Aktivität innerhalb der Elektrizitätswertschöpfungskette tätig sein: Entweder Erzeugung oder Übertragung oder Verteilung oder Einzelhandel. Bis 2007 sollten die europäischen Stromverbraucher zudem ihren Stromanbieter frei auswählen können. 

Mit dem dritten EU Energiepaket aus dem September 2009 kam mit der eigentumsrechtlichen Entflechtung daher der fällige nächste Schritt, mit dem „Winterpaket“ von 2016/17 folgte der bislang letzte. Angestrebt ist ein vollständig integrierter, entkarbonisierter Strommarkt mit höchster Versorgungssicherheit durch die Solidarität und Zusammenarbeit zwischen den EU-Mitgliedsstaaten.

Was ist das Fazit nach über 25 Jahren? Wenn wir es am Ergebnis messen, dann ist die Liberalisierung gescheitert. Anstatt für den Verbraucher zumindest die gleiche Sicherheit bei gesunkenen Kosten zu erzielen, haben wir eine schleichende Verringerung der Versorgungssicherheit bei explodierenden Stromkosten. Wir haben in Deutschland bereits ohne die Ukrainekrise die höchsten Stromkosten, Tendenz weiter steigend. Und von solidarisch kann auch keine Rede sein, weil es sich bei den Erzeugern und privatwirtschaftliche Betriebe handelt, die ihren Eigentümern verpflichtet sind und nicht um eine Organisation die dem Gemeinwohl verpflichtet wäre.

Solidarität unter den Ländern?

Auch so ein hehrer Anspruch. ich muss es immer wieder wiederholen, die die den Storm produzieren sind Industrieunternehmen, die haben mit Solidarität nichts am Hut. Und selbst unsere lieben Politiker kümmern sich ja nicht drum, es gibt keinerlei Absprachen z. B. zwischen Frankreich und Deutschland, dass die Franzosen uns mit Strom beliefern, wird der bei uns knapp.

Was ist schiefgelaufen?

Wie ich eingangs erwähnte gibt die Politik den Rahmen vor. Die handelnden Akteure sind jedoch privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen, die einen Gewinn erzielen müssen. Durch die Trennung von Erzeugung, Übertragung, Verteilung und Verkauf ist die Verantwortung für die Versorgungssicherheit einfach unter den Teppich gefallen – upps weg!

Zwar hält die Bundesnetzagentur die Hand drauf, ob ein Kraftwerk abgeschaltet werden darf oder als Systemrelevant weiterbetrieben werden muss, nur in welchem Zustand das Kraftwerk gehalten wird, darauf hat die Bundesnetzagentur keinen Einfluss.

Beispiel: Es ist ein Unterschied, ob ich bei meinem Auto regelmäßig die Inspektionen und Ölwechsel durchführe oder nichts mache. Im ersten Fall wird es mir lange treue Dienste leisten im zweiten eher nicht.

Bezogen auf die Kraftwerke. Wenn der Betreiber eines Kraftwerkes weiß, dass sein Kraftwerk zum Zeitpunkt X abgeschaltet werden soll, wird er es anderes Instandsetzen und Warten als wenn er davon ausgehen kann, es noch 30 Jahre betreiben zu dürfen.

Solar- und Windparkbetreiber müssen sich überhaupt nicht darum kümmern, dass der von ihnen erzeugte Strom sehr volatil sein kann.

Die Energieversorgung in Deutschland ist wie ein Unternehmen

Stellen sie sich vor, sie haben auf der einen Seite zuverlässige Arbeitskräfte, die jeden morgen pünktlich um 8 zur Arbeit erscheinen und immer erst pünktlich um 17 Uhr Schluss machen. Sollte es erforderlich sein, so bleiben sie sogar mal länger.

Auf der anderen Seite haben sie solche die kommen mal mitten in der Nacht, mal um 9 mal gar nicht, und wann sie gehen, dass wissen sie auch nie.

Mit welchen Arbeitnehmern können sie ein Unternehmen überhaupt nur erfolgreich betreiben?

Mit den Ersten!

Wind und Sonne gehören jedoch zur zweiten Gruppe. Betrachten wir unsere Stromversorgung als ein Unternehmen, dann kann das nur deshalb noch erfolgreich agieren, weil wir auch die Gruppe der zuverlässigen Arbeitnehmer haben, die Atom,- Kohle- und Gaskraftwerke. Leider steigt der Anteil an unzuverlässigen Arbeitskräften (Solaranlagen, Windräder) jährlich an und der an zuverlässigen sinkt sogar stärker als der auf der anderen Seite ansteigt. Wie lang kann sich ein Unternehmen das leisten?

Der Systemfehler liegt darin, dass es den unzuverlässigen Arbeitern egal sein darf, ob sie kommen oder nicht. Würden sie für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen, dann würde sich ihr Verhalten ändern.

Was tut die deutsche Energiepolitik, sie belohnt diese Arbeitnehmern auch noch, indem sie ihnen ihr Gehalt für 20 Jahre garantiert. Und schlimmer noch, die Kosten für diese Mitarbeiter die müssen sie erwirtschaften!

Man müsste meinen, dass die letzten Jahre gezeigt haben, dass mit diesen Arbeitnehmern kein Blumentopf zu gewinnen ist. Fehlanzeige, anstatt das System zu reformieren, werden gerade jetzt in der Krise (Ukraine und Versorgungsabhängigkeit von Russland) stimmen laut, noch mehr von diesen Mitarbeitern einzustellen (Ausbau von Wind und Sonne)!

Wenn man sich diesen Vergleich ansieht, dann erkennt man den Irrsinn dahinter viel schneller und man erkennt auch, dass es so nicht funktionieren kann und wird.

Sie wissen selbst, wie lange es dauert zuverlässige Mitarbeiter zu finden, deshalb richten sie sich auf eine länger andauernde Phase mit ihren unzuverlässigen ein. Sie werden in den nächsten Monaten und Jahren Zeiten erleben, da kommt niemand zur Arbeit!

Der ein oder andere wird nun einwenden, was redet der Jungnischke da, wir haben im Schnitt in Deutschland für 12 Minuten keinen Strom, wieso Versorgungsunsicherheit?

Schwarzer Schwan und Truthahn Illusion

Hier muss ich verweisen auf das Bild des schwarzen Schwans oder der Truthahnillusion.

Der Schwarze Schwan ist ein Ausdruck aus der Wirtschaft für ein unwahrscheinliches und unerwartetes Ereignis in der Zukunft, dass die Menschen zwingt, die Sicht auf die Dinge zu ändern. Der Blackout, also der Ausfall der kompletten Stromversorgung und damit der kompletten Infrastruktur wäre ein solches Ereignis.

Die Truthahn-Illusion ist ein Begriff aus der Verhaltensökonomik und beschreibt die Risikointelligenz. Überraschende Trendbrüche sind vorhersehbar, wenn man die Ursachen bzw. die Rahmenbedingungen für diesen Trend kennt. Dies verdeutlicht die Truthahn-Illusion.

Bis zu seiner Schlachtung wird der Truthahn jeden Tag gefüttert und umsorgt. Nun ist ausgerechnet am Abend vor seinem Tod die Wahrscheinlichkeit, dass er am nächsten Tag auch wieder gefüttert und umsorgt wird, aus der Sicht des Truthahns am größten. Denn mit jeder Fütterung stieg seine Gewissheit bzw. sein Vertrauen darauf, dass ihm nichts passiert. Trotzdem wird er am Tag Thanksgivings geschlachtet, genau von jener Person, die ihn umsorgte. Quelle: Wikipedia

Die Truthahn-Illusion umschreibt es fast noch besser als der schwarze Schwan. Denn hier gibt es den Verweis auf die Rahmenbedingungen. Und genau die haben sich in den letzten 20 Jahre drastisch geändert. Seit dem Ausbau von Solar und Windenergieanlagen haben wir ein anderes Stromnetz bei bisher gleichem Ergebnis!

Aber das ist bisher nur dem Können der Netzbetreiber zu verdanken und GLÜCK!

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